Allahheiligste Missgeschicke und -verständnisse

25. April 2011

Droht Terror immer von Genies? Nicht in der Satire „Four Lions“ von Christopher Morris. Seine Dilettanten machen auf heiligen Krieg in England, scheitern grandios, befreien so von Terrorangst. Die lässt sich gut weglachen.

Der angehende Top-Terrorist hat es schwer – mit seinem nachgemachten, kleinen Gewehr. Kläglich wirkt der tumbe Waj (Kayvan Novak), als er auf den bösen Westen hasstiradend, die Spielzeugknarre umklammernd vor der Kamera hockt. Im Handdrehbuch für Märtyrervideos steht sicher anderes. Der verwirrte Fessal (Adeel Akhtar), macht es nicht besser. Er zerrt sich für die Bekennerbotschaft gleich mal ein Karton über den Schädel. Damit ihn niemand erkennt.

Schon mit dem Einstieg von „Four Lions“ sorgt Christopher Morris für klare Fronten. Die britische Comedygröße sprengt das Tabu. Das verbietet: Über Terrorgruppen, die im Namen Gottes töten, macht man sich nicht lustig. Den Gegenbeweis bringt Morris in seinem ersten Langfilm. Den Stoff dafür filterte der Brite aus unzähligen Terrorakten und einer dreijährigen Recherche in pakistanischen Gemeinden auf der Insel.

So schickt der Regisseur eine Vier-Mann-Truppe von Möchtegern-Dschihadis ins Erlösungsdesaster. Mit Allah nehmen sie es nicht ganz so genau. Die westliche Welt demütigt ihre Moslembrüder. Dagegen wollen sie was tun. Der Irrglaube, das zu können, eint die entschlossene Terrorzelle. Ansonsten geht es in dem Trottelhaufen um Freundschaft, Unterwürfigkeit, Unfähigkeit, Unwissen, Willen, Selbstüberschätzung, Selbsthass und Machtspielchen.

Die meiste Tiefe schenkt Morris Omar (Riz Ahmed). Der Pakistani arbeitet bei der U-Bahn, gilt als gut integriert in der mittelenglischen Stadtgesellschaft. Seine Frau unterstützt ihn, ein guter Selbstmordattentäter zu werden. Im Bunde mit Waj, Fessel und dem durchgeknallten Konvertiten Barry (Nigel Lindsay) will er es den Ungläubigen zeigen. Omar und Waj fliegen jedoch aus dem ersehnten Terrortrainingslager in Pakistan. Beim Versuch mit der Panzerfaust eine amerikanische Drohne abzuschießen, gehen die Ausbilder drauf. Zurück in England muss ein Anschlagziel her. Die Wahl fällt auf den London Marathon.

Morris überdreht gekonnt, spielt mit Klischees und Irrtümern über den Islam. Daraus macht er platte, alberne, absurde und slapstickige Szenen, die eine manchmal nervende Wackelkamera einfängt. Highlights wie Krähen als Selbstmordbomber oder SIM-Kartenfressen und Kopfschütteln als Überwachungsvorsorge stellen nicht die Moslems bloß, sondern das Trottlige heraus. Scheitern kann so lustig sein. Und es befreit von dieser ständig geschürten Terrorangst. Betroffen müssen Sicherheitsfanatiker in die Kinosessel sinken. Nimmt doch die Polizei in der Satire harmlose, strenggläubige Moslembrüder als Terrorverdächtige fest. Die passen halt in ihr Bild. (kak)

Der deutsche Trailer von “Four Lions”. Quelle: youtube.com.

“Four Lions”. Regie: Christopher Morris , Buch: Christopher Morris, Jesse Armstrong, Sam Bain, Simon Blackwell; mit Riz Ahmed, Arsher Ali, Nigel Lindsay, Kayvan Novak, Adeel Akhtar u.a.; UK 2010, 97 Minuten. Kinostart: 21. April 2010.

(Der Beitrag erschien im Aprilheft von diggla, dem Stadtmagazin von Westthüringen und Eschwege.)

Faschos ficken

14. April 2011

Sex am ersten Abend. Mit dem Angebot überfraut die forsche Bahia Benmahmoud (Sara Forestier) den verstockten Arthur Martin (Jacques Gamblin). Zuvor hatte die Telefonistin den Tierarzt, der fürs französische Tierseuchenamt arbeitet, in einer Radiosendung überwältigt: Er solle nicht wegen einer toten Stockente nerven. Das bringe nur die Faschos nach vorne. Davon noch verwirrt, lehnt der Linkswähler ab. Pech gehabt. Die Aktivistin, die gern den politischen Gegner in die Kissen drückt und zur wahren Ansicht bekehrt, hat ihre Prinzipien. Gleich oder gar nicht. Arthur bekommt dennoch seine Chancen bei der derwischenden Faschoschreierin und -hasserin.

Michel Leclerc greift in „Die Namen der Leute“ auf das Muster „Gegensätze ziehen sich an“ zurück. Er will eine Liebeskomödie erzählen. Und zwar so wie es sein Vorbild Woody Allen machen würde. Das geht auf, wenn nicht sogar darüber hinaus. Leicht, immer wieder überraschend, ohne den Politisch-Korrektheits-Finger schwingend, spielen die Hauptdarsteller so nebenbei die eigentlichen Themenbrocken Fremdenhass, Identitätssuche und Selbstbestimmung an die Leinwand. Einfach herrlich als Bahia über sich und Arthur tönt: Eine (bekennende) Araberin und ein (sich verleugnender) Jude. Der erste Schritt zum Weltfrieden. Solche Szene gibt es viele. Ein kluger, witziger, mutiger Film. (kak)

Der Trailer von “Der Name der Leute”. Quelle: youtube.com.

“Der Name der Leute”. Regie: Michel Leclerc, Buch: Baya Kasmi und Michel Leclerc; mit Sara Forestier, Jacques Gamblin, Carole Franck, Zinedine Soualem, Michele Moretti, Jacques Boudet, Lionel Jospin; Frankreich 2010, 104 Minuten. Kinostart: 14. April 2010.

(Der Beitrag erschien im Aprilheft von diggla, dem Stadtmagazin von Westthüringen und Eschwege.)

Das Messer im Kopf

17. Februar 2011

Kletterfreunde wissen Bescheid: Aron Ralston stürzte ab, ein Felsbrocken klemmte sein Arm ein. Aber er befreite sich. In “127 Hours”, die Regisseur Danny Boyle als rasantes Kopfkino des Protagonisten ohne große Hänger inszeniert.

Adrenalin befeuerte Aron Ralston, das Extreme zu wagen. Ruhm brachte den Bergsteiger sein Überlebensdrama ein. Das ging für ihn gut aus, weil er sich den rechten Unterarm amputierte. Diesen Kampf erzählt sein Buch “Im Canyon: Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens”. Daraus hat Danny Boyle den Film “127 Hours” gemacht.

Schnappt sich einer wie Boyle, der mit dem Oscar für “Slumdog Millionaire” Überschüttete, solch ein spannenden Stoff, erhöht das die Erwartung. Knalliges Split Screen-Geflacker und wummernder Sound dient dem Briten, voller Wucht und Dynamik in die Geschichte einzusteigen.

Ralston (James Franco) fährt am 25. April 2003 in der Nacht gen Blue John Canyon in Utah. Morgens rauscht er auf dem Mountainbike durch grandiose Landschaft. Zu Fuß gabelt er die wandernden Kristi (Kate Mara) und Megan (Amber Tamblyn) auf. Mit ihnen veranstaltet er eine Grotten-Pool-Party. Danach hetzt er weiter durchs Gelände und Felsspalten. Ein Fehlgriff passiert ihm, wodurch ein Felsbrocken und er abstürzen. Der Kletterer steckt in einer tiefen Spalte fest, seinen rechter Unterarm klemmt der Steinkoloss ein.

Die Rasanz endet in der Falle. Der Schock sitzt. Das Tempo zieht aber wieder an. Zwei Kameramänner schaffen den Todgeweihten umschwirrende Nahaufnahmen. Den dramaturgischen Trick lieferte der wahre Verunglückte: Er nahm sich auf Video auf. Im Film spricht der Eingeklemmte Botschaften an seine Eltern. Dazwischen macht er eine Radio-Morgenshow, welche die Dramatik verzweifelt, selbstironisch und klarsehend aufnimmt. Die Bildflucht aus der Enge gewähren die Erinnerungen an die Wanderinnen, Eltern, Exfreundin und Kumpels. Urinkonsum droht, das wenige Wasser nimmt ab, die Träume und Halluzinationen zu. Die Realität verschwimmt.

Anfangs stochert Ralston noch mit seinem stumpfen Messer am Stein. Nur zaghaft kratzt er am Arm. Bald dämmert ihm, dass die einzige Chance lautet: Unterarm ab. Die Sehnsucht nach der Gemeinschaft löst bei ihm am fünften Tag die Blockade, das rettende Blutbad anzugehen. Und Boyle lässt schön draufhalten.

Der Film zieht den Zuschauer unerbittlich in den Todeskampf hinein. Dafür sorgen beeindruckende Bilder, schnelle Schnitte, Boyles Ideen – und James Franco. Der gibt den durchgeknallten Draufgänger angenehm unabgedreht. Seine zurückhaltende Mimik und Gestik hält der Dauerüberwachung stand. So entseht kein normaler Actionfilm, sondern rasantes Kopfkino. Und das läuft im Filmhelden vorm Kinobesucher ab. (kak)

Der Trailer von “127 Hours”. Quelle: youtube.com.

“127 Hours”. Regie: Danny Boyle, Buch: Danny Boyle und Simon Beaufoy; mit James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara, Clemence, Kate Burton, Lizzy Caplan; Großbritannien/USA 2010, 90 Minuten. Kinostart: 17.2.2010.

(Der Beitrag erschien im Februarheft von diggla, dem Stadtmagazin für Westthüringen und Eschwege.)

Verheerende Verschlusssache

02. Februar 2011

Der Rang macht den Namen: Kevin (Constantin von Jascheroff) kommt in den Jugendknast und heißt als Neuer fortan “Picco”. Der Kleine, der ganz unten buckelt. Seine drei Zellengenossen, Schläger Marc (Frederick Lau), Intrigant Andy (Martin Kiefer) und Dealer Tommy (Joel Basman), eint, ihn fertig zu machen. Durch Schikane, Demütigungen und Gewalt sieht Kevin ein: entweder Täter oder Opfer. So läuft das hier drinnen. Die Beamten verschließen die Augen vor der drohenden Eskalation.

Philip Koch (Buch, Regie) greift in “Picco”, seinem vielfach ausgezeichneten Langfilmdebüt, auf wahre Begebenheiten zurück – vor allem auf die Gräueltat, die 2006 in der JVA Siegburg passierte. Den Gefängnisalltag zwischen Hofgang, Tischtennis, Kickern, Fernsehen, Wäschereiarbeit und Langeweile fangen triste, graue Bilder ein. Die Kamera folgt eng den klasse Schauspielern, verharrt in der unfassbar kleinen Zelle und schwenkt nur im aller schlimmsten Moment weg. Von Voyeurismus keine Spur. Koch nimmt den Zuschauer in Haft. Es gibt kein Entrinnen vor der Gewalt. Das schockiert und schmerzt. Ein schwer zu ertragendes Meisterwerk, das mit der Frage entlässt: Warum gibt der Staat straffällige Jugendliche auf? Einfach wegschließen, bringt sie später nicht zurück. Darüber nicht hinwegzusehen, betrifft alle. Also rein und anschauen. (kak)

Der Trailer von “Picco”. Quelle: youtube.com

“Picco”. Buch und Regie: Philip Koch; mit Constantin von Jascheroff, Joel Basman, Frederick Lau, Martin Kiefer; Deutschland 2010, 108 Minuten. Kinostart: 3.2.2011

(Der Beitrag erschien im Februarheft von diggla, dem Stadtmagazin von Westthüringen und Eschwege.)

Forsche Versuchung

23. Dezember 2010

Tom Tykwer spielt in “Drei” eine Dreiecksbeziehung durch. Den Versuchsrahmen weitet er, indem sein Film viele Diskursthemen streift. Und die wirken der leichten, herrlich gespielten und ästhetisch umgesetzten Dreiergeschichte entgegen. Ein gescheitertes oder gescheites Experiment?

Demnächst im Kino. Mit der typischen Zeile endet der Trailer von “Drei”, dem neuen Werk von Tom Tykwer. Den Starttermin 23.12. verrät die kurze Vorschau nicht. Läuft ein Film zu diesem Zeitpunkt im Kino an, behellen Lichtspielhaus-Betriebler-und-Vorberichterstatter gern mit der düsteren Aussicht: Oh, ganz ungünstig. Die mag zutreffen. Andere Tage versprechen mehr Publikum. Weihnachten beschert keine Einspielrekorde. Statt Kino steht die Familienvorstellung auf dem Programm. Passiere was will im Abendland, das Ritual überlebt alles: Im Schein eines heillos kitschig verschandelten Nadelholzabklatsches gilt es, zeitweise den Generationskonflikt zu unterdrücken, auszusitzen und vor allem reichlich runterzuschlucken. Die sich emanzipiert Wähnenden flüchten zu Freunden. Schmach und Schande drohen, besuchen sie während der Festtage aber nicht wenigsten mal kurz Eltern oder andere Sippenhäftlinge.

Zum heilig verordneten Fest der Nächstenliebe schlägt Tykwer nun keinen direkten Schwibbogen. Ihm zu unterstellen, er verkünde eine neue Liebesbotschaft, geht sicher zu weit. Sein Film „Drei“ wagt schlicht, am gängigen Ideal der absoluten Liebe zu zweifeln. Äußerst passend und konsequent erscheint, dass sein Gedankenspiel im Kino startet, wenn sich alle besinnen sollen. Auf was auch immer.

In den letzten zehn Jahren hat Drehbuchautor und Regisseur Tykwer internationale Duftmarken (“Heaven”, “Parfüm”, “International”) gesetzt. “Drei” führt ihn wieder zurück in die Heimat. Freudig experimentiert er wie einst bei “Lola rennt”. Zufälle und Augenblicke zählten bei seinem Durchbruch. Sie spielen auch dieses Mal mit rein, um eine Dreiecksgeschichte auszuloten. Tykwer drehte „Drei“ in Berlin. Wohltuend verzichtet er weitestgehend auf Vorzeigeobjekte der Hauptstadt. Handlungs- und Begegnungsstätten haben die Aufgabe, seine Protagonisten im Milieu der Kulturinteressierten zu verorten und zusammenzubringen.

Vor der Haustür ihrer gemeinsamen Berliner Wohnung treffen irgendwann die Kulturjournalistin Hannah (Sophie Rois) und der Kunsttechniker Simon (Sebastian Schipper) aufeinander. Überrascht stellen sie fest, wie gut ihr Gegenüber ausschaut. Seit 20 Jahren wackelt das Paar durchs Leben. Zuletzt eher nebenher und im Trott, wobei der gegenseitige Respekt nie flöten ging. Ihre Beziehung läuft nun besser denn je, sie heiraten sogar. Aufleben lässt beide der Stammzellenforscher Adam (Devid Striesow), mit dem sie jeweils ein Verhältnis haben. Zunächst weiß keiner, dass es da noch einen anderen gibt. Bis Hannah schwanger wird.

Leicht und energisch zugleich entwickelt der Film das Neuentdecken in einer Dreiecksbeziehung. Glänzend sucht und findet sich das Schauspielertrio. Sophie Rois erweist sich wieder als Furie vor der Kamera, die anstrengende und lockere Seiten von Hannah schlüssig vereint. Sebastian Schipper befreit sich und seine Figur vom Durchschnittlichen. Und Arbeitstier Devid Striesow erdet die Figur Adam, die als Wissenschaftler, Freizeitkicker, -segler, -schwimmer und -judoka, Motorradfahrer, Chorsänger und Vater eigentlich wie ein Übermensch wirken muss.

Der Versuchung, etwas neues und anderes zu wagen, können die Figuren nicht wiederstehen. Während Simon einen Hoden auf dem OP-Tisch verliert, versucht Hannah aus Adams Wohnung zu flüchten. Am Ende der großartige Szene landet sie doch im Bett des Forschers. Ergreifende Nackt- und Sexszenen laufen ab. Der Kamera gelingen ästhetisch sehr ansprechende Nahaufnahmen, um Hetero- und Homoerotik zu erzeugen.

Tykwer beschwert die experimentelle Leichtigkeit. Er streift in Handlung und Situationen die Diskursthemen Stammzellenforschung, Ethikrat, Suizid, Sterbehilfe, Krebstherapie, Afghanistan. Zudem erhält der Kulturbetrieb (Kino, Theater, Ballett, Ausstellungen) viel Raum. Diese Inhaltsfracht dehnt den Rahmen der Geschichte ins Übermaß und geht zum Teil in Split Screens auf. Das kann überfordern.

Die Sondervorführung für drei endet. Als der Abspann läuft, verschwinden die zwei mitguckenden Kolleginnen. Der Vorhang schließt, ich raffe mich auf. Am Ausgang passt mich die nette Dame von der Presseagentur ab. “Wie hat Ihnen der Film gefallen?”, fragt sie erwartungsvoll. Meine Ausrede, ich müsste das alles noch sacken lassen, starrt sie weg. Also stottere ich was von “eine leichte, herrlich gespielten Geschichte”, “aber zu viele aufgemachte Bilder und Themen”, “und wozu die Metapher mit der Chimärenforschung”, “die Geschichte funktioniert doch aus so”. Sie lächelt das ab: „Ja das sind Vorwürfe, die oft kommen“. Aus mir holpert es weiter zusammenhangslos raus: “Sicher überrascht der Film. Aber bei der Ballettszene am Anfang war mir gleich klar, dass zum Schluss noch die Klammer kommt.” Freundlich klärt sie auf: “Okay, Tom wollte schon immer mal was mit Sasha Waltz machen.” Erst als ich mich dazu hinreißen lasse, einen wohl doch großartigen Film gesehen zu haben, darf ich gehen.

Die gerade gesehene Filmleichtigkeit und -last sackt. Ein paar Stunden später arrangiere ich mich mit Tykwers Diskurshatz und Kulturtrip. Er will eben aufhorchen lassen: Hallo, auf allen gesellschaftlichen Eben passiert und bewegt sich viel. Nur in der Liebe bleibt die Paarkonstellation das allein glücklich machende. Den Widerspruch greift der Filmemacher auf, und er stellt die Paarfixierung in Frage. Jetzt nicht so grundsätzlich, sondern selbstironisch konstruiert er seine Dreier-Komödie. Ihm geht es nicht um ein realistisches Abbild. Er beharrt darauf, dass seine Geschichte ein Konstrukt ist. Das verdeutlichen das schöne Schlussbild und Handlungsteile. So bohrt ein Künstler mitten in Berlin nach Öl. Erfolgreich. Und Hannah berichtet darüber. Die Kulturredakteurin trifft bei diesem Vor-Ort-Einsatz zufällig Adam wieder, den sie zuvor im Ethikrat gelöchert hatte. Kurzum: Experiment gelungen, Zuschauer unterhalten, zunächst verwirrt, dann in Versuchung gebracht. Nachzudenken. Nicht das Schlechteste. Und angenehmer, als Besinnlichkeit vorzugaukeln. (kak)

Der Trailer von “Drei”. Quelle: youtube.com

“Drei”. Regie, Drehbuch (und Musik): Tom Tykwer; mit Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow u.a.; Deutschland 2010, 119 Minuten. Kinostart: 23.12.2010

Eitel Kristallschein

02. Dezember 2010

Woody Allen führt wieder eine Beziehungsnummern-Revue auf – im Londoner Bildungsbürgermilieu. Er lässt in „Ich sehe den Mann deiner Träume“ seine Figuren im Eitelkeitsgehabe untergehen, schont nur die völlig Verblendete. Unverhofft zynisch gerät daher sein 41. Film.

Der alte Mann und die Mär geben noch was her. Und zwar eine neue und gelungene Variante des Stoffs, über den Woody Allen eigentlich immer filmt. Den 75-Jährigen treibt nach wie vor um und an, dass dieses merkwürdige und missratene Wesen namens Mensch mit sich oder gar mit anderen Gestalten klarkomme. Ein Irrglaube für den New Yorker, der deswegen abdreht. Jedes Jahr einen Film. Seine nunmehr 41. Regiearbeit läuft bei uns unter dem deutschen Verleihtitel „Ich sehe den Mann deiner Träume“ im Kino an.

Spöttisch und ironisch breitet der Vielfilmer das menschliche Dilemma anhand typischer Allen-Figuren aus. Gewohnt knatscht und kracht es in den Beziehungskisten, die der Altmeister aufreißt. Herhalten müssen wieder Londoner Bildungsbürger, die er aufeinander loslässt. Allen verschlägt es zum vierten Mal nach London – innerhalb von fünf Jahren. In seinem ersten Gastspiel „Machtpoint“ schmetterte er ja geradezu befreit die bürgerliche Moral auseinander. Sein Zwischentrip „Vicky Christina Barcelona“ ging dann gehörig daneben. Zu sehr hievte er die unwichtige Kulisse – das Katalanische und Mediterrane – in den Vordergrund. Nun zurück in London, spielt der Schauplatz keine wesentliche Rolle. Das Milieu der Gebildeten und Reichen hat Vorrang.

Die Betuchten fluchen. Sie wollen mehr und alles anders haben. So packt den wohlhabenden Pensionär Alfie (Anthony Hopkins) der Jugendwahn. Er schmeißt seine Ehe nach 40 Jahren weg und verfällt dem Callgirl Charmaine (Lucy Punch). Seine verlassene Frau Helena (Gemma Jones) kriegt nichts mehr auf die Reihe und landet bei der Wahrsagerin Cristal (Pauline Collins), der sie blind vertaut. Die orakelt ihr was von einer neuen Liebe. Sally (Naomi Watts), die Tochter von Alfie und Helena, assistiert dem Galleristen Greg (Antonio Banderas) und will irgendwann mal eine eigene Galerie. Das Geld reicht nicht mal fürs öde Leben, ihre Mutter muss aushelfen. Die Mitdreißigerin peinigt zudem der Kinderwunsch, womit sie ihren Mann Roy (Josh Brolin) bedrängt. Der erfolglose Möchtegern-Schriftsteller tagträumert sich zu Ruhm – und zur feurigen Nachbarin (Freida Pinto). Und Sally verknallt sich in ihren Chef.

Schnoddrig und lästernd kündigt die Erzählstimme die einzelnen Beziehungsakte an. In den langen Einstellungen danach lässt Allen veritabel Theater spielen. Im offenen Nervenkostüm. Anthony Hopkins darf leicht und beklemmt zwischen Viagrajungbrunnen und Altersstarrsinn schweben und aufschlagen. Lucy Punch hält dagegen und bringt locker das blonde Frivole in jegliche Stellung, während es Naomi Watts vor Spielfreude und -kunst schier zerreißt, damit die zurückhaltende und fordernde, enttäuschte und hoffnungsvolle, verständnisvolle und -lose Sally aus ihr rausbricht. Unerhört schön zickt sie in der Originalton-Version über das Luder Charmaine als Chow Mein – ein knackig gebratenes Asia-Hühner-Nudelgericht. Ihr Gegenpart Josh Brolin hadert, poltert und schleimt gekonnt den niederträchtigsten Typen der Komödie vor die Kamera. Hämisch hält er der Helena-Figur entgegen: Bei ihrem vorhergesagten dunklen Fremden, handele es sich um jenen dunklen Fremden, den jeder Mensch einmal träfe. Todsicher vermeidet Gemma Jones, die illusionsberauschte Schrulle und Nervensäge als Farce anzulegen. Und Freida Pinto versucht hinreißend, auch die Zuschauer zu betören.

Alle machen sich was vor und bekommen ihr Gehabe vorgehalten. An sich nichts Neues in der Allen-Welt. Nur lässt die Regielegende seine Figuren dieses Mal im Kampf der Eitelkeiten überraschend gnadenlos untergehen. Perspektivwechsel und Pointen sitzen. Auf die Spitze treibt es Allen dadurch, dass er einzig Helena nicht ins Verderben stürzt. Ausgerechnet die Figur, die komplett die Realität ausblendet, nur der Wahrsagerei vertraut, in Alkohohl flüchtet und nervt, findet ihr Glück. Wahnwitz und Zynismus pur. Den altgedienten Filmemacher hat also die Altersmilde noch nicht erfasst und übermannt. Gut so. (kak)

Trailer von “Ich sehe den Mann deiner Träume”. Quelle: youtube.com.

„Ich sehe den Mann deiner Träume“. Regie, Drehbuch: Woody Allen; mit Antonio Banderas, Josh Brolin, Anthony Hopkins, Gemma Jones, Freida Pinto, Lucy Punch, Naomi Watts; USA/Großbritannien 2010, 98 Minuten. Kinostart: 2.12.2010

(Die kurz- und kleingeschnittene Version des Beitrags erschien im Novemberheft von diggla, dem Stadtmagazin von Westthüringen und Eschwege.)

Sprunghaftes Innehalten

25. November 2010

Mit dem gewollten Gruppenfreitod steigt Olaf Saumer in sein Abschlussfilm „Suicide Club“ ein. Er macht daraus ein unabgehobenes Kammerspiel, das die Fragen nach Tod und Leben ernsthaft und ruhig angeht – und in Situationskomik treibt. Trotz Fehltritte droht dem Kinodebüt nie der Absturz.

Die Weltverbesserer gibt es nicht mehr. Kopfschütteln und Lachen über den eigenen jugendlichen Übermut, den er in dieser Schülerband rausließ und -schrie. Der penible Familienmensch spricht über seine Jugendsünden als Sänger. Sein 16-Jähriger Zuhörer spitzt die Ohren – und muss ihn nicht lange bitten, was von damals zu spielen. Der kauzige Alte zupft an der Gitarre, taut auf und kräht „die Zukunft ist ein mysteriöses Spiel“ heraus. Inbrünstig. Das begeistert auch die anderen. Zugabe und Bier fordern die Klatschenden. Die Fünfer-Zwangsgruppe hält inne und lässt sich fallen. Ins Gemeinschaftsgefühl. Und nicht wie geplant vom Hochhausdach.

In diesem Moment kommt in „Suicide Club“, dem Kinodebüt von Olaf Saumer, zum ersten Mal Gruppenharmonie auf. Die erzeugt der Nachwuchsregisseur über die Figur, die er zuvor als Misstrauenden der losgetretenen Gruppendynamik aufgebaut hat. Der Verweigerer bringt sich ein – und zusammen. Auf die bizarre Art. Aber es funktioniert wie der biedere und lebensüberdrüssige Staubsaugervertreter jungrebellisch über Zukunftsfragen trällert. Die Situationskomik beendet Saumer, indem er seine Geschichte erneut wendet und zuspitzt.

Für seinen Abschlussfilm an der Kunsthochschule Kassel wählt Saumer den dramatischen Ansatz: Fünf Fremde wollen nochmal hoch hinaus und etwas Besonderes bei Sonnenaufgang tun. Sie verabreden sich zum Sprung. In den Tod. Im Morgengrauen prallen auf dem Hochhausdach der angespannte Vatertyp (Klaus-Dieter Bange), das matte Möchtegern-Muttertier (Hildegard Schroedter), die abgeklärte Durchgeknallte (Katja Götz), der grüblerischer Coole (Mathieu Süsstrunk) und der schüchterne Schüler (Arne Gottschling) aufeinander. Ihre Welten stoßen sich ab, sie eint nur der Wunsch nach dem Gruppenfreitod. Der klappt zunächst nicht. Gefangen auf dem Dach bleibt ihnen nur das Warten auf die Abendchance. Und das Zeit totschlagen.

Das Beklemmende, den ganzen Tag mit all den Merkwürdigen ausharren zu müssen, fängt Saumer gekonnt ein. Seine fünf Hauptfiguren treten als Klischeeklotze von der Absprungkante zurück, weichen einander aus, versinken in sich. Behutsam schupst der Regisseur die Absprungverpasser danach in Interaktionen. Unabgehoben entwickelt sich ein Kammerspiel. Die Konstellation schafft den Raum dafür, dass aus den verschiedenen Perspektiven nach und nach Suizidmotive und Lebenssinn zur Sprache kommen. Die Figuren gewinnen in der anziehenden Auseinandersetzung allmählich an Kontur, verlieren die abgründigen Klischees.

„Was für ein unglaublich beschissener Tag“, grollt und lacht der Staubsaugervertreter vorm Finale. Zuschauende erleben diesen Tag in 96 Minuten und sehen ihn bestimmt anders. Dem Kunsthochschulabsolvent gelingt es, das große wie tiefe Lebensthema ernsthaft, unbeschwert und unterhaltend aufzugreifen. Fehltritte und Luftnummern bleiben freilich nicht ganz aus. So durchweht das Drehbuch, das der Kinodebütant mit seinem Bruder Martin schrieb, die Brise Lebensfreude zu viel. Die Absicht, diese rüberzubringen, mag man noch nachvollziehen. Das gilt nicht für die Entscheidung, den zurückhaltenden Jungspund aus dem Off banale Einführungs- und Zwischenworte faseln zu lassen. Anscheinend vertraut das Regietalent seinem Stoff nicht ganz. Sein Film braucht den Kommentar überhaupt nicht, um zu funktionieren. Außerdem bleibt völlig unklar, warum der Film ausgerechnet die Sicht des 16-Jährigen wiedergibt. Das unnötige Ärgernis erweist sich zudem als dramaturgisches Missgeschick – spätestens kurz vor der Schlusspointe.

Ein Absturz droht dem Abschlussfilm trotzdem nie. Vor allem die überzeugenden fünf Hauptdarsteller halten ihn oben. Spielend. Und das obwohl alle ohne Gagen arbeiteten. Nur so konnte Saumer den Film stemmen. Die geringen Produktionskosten von 40.000 Euro sieht man dem Streifen nicht an. Vier Jahre Arbeit stecken in dem Projekt. Und trotzdem beeindruckte die Leichtigkeit des Werks im Januar auf dem renommierten Filmfestival Max Ophüls Preis derart, dass Saumer für „Suicide Club“ den Interfilmpreis 2010 in Saarbrücken einsackte. Beim französischen Filmfestival „Ciné Festival en Pays de Fayence“ gab es zudem den Preis der Hauptjury – den „CIGALE D’OR“. Der Verleiher Kinostar bringt den Film nun ins Kino. In das reinzustürzen lohnt. Allein oder in der Gruppe. (kak)

Der Trailer von “Suicide Club”.  Quelle: youtube.com.

„Suicide Club“. Regie, Drehbuch: Olaf Saumer; mit Klaus-Dieter Bange, Hildegard Schroedter, Katja Götz, Mathieu Süsstrunk, Arne Gottschling u.a.; Deutschland 2010, 96 Minuten. Kinostart: 25.11.2010

Gewaltige Lustliebe am Kino

04. November 2010

Robert Rodriguez haut die Latinovariante des Exploitationfilms raus: „Machete“, eine krasse, blutige und witzige Racheorgie. Der Tarantino-Kumpel zelebriert mit der bestechend besetzten Trash-Action seine große Kinoleidenschaft.

Machete rachsüchtelt. Zieht er sein namensgebendes Werkzeug, zischt und klirrt es vortrefflich. Körper reißen, Köpfe rollen, Hände fliegen, Blut blubbert und fontänt. Der Titelheld spaltet auf der Leinwand, sein Erschaffer Robert Rodriguez davor. Sein neuestes Werk „Machete“ teilt den Publikumskörper sicher wieder in die Hasser und Genießer.

Metzeln – ob nun durch unzähligen Schnitte, Stiche, Schläge oder Schüsse – stößt ab. Auch wenn der Regisseur und sein Co Ethan Maniquis die Gewalt derart überzogen und ins Groteske ziehend inszenieren, fängt das nicht jeden ein. Rodriguez schneidet nicht simpel auf, sondern liefert mit der Trash-Action handwerklich solides und einfallsreiches Genrekino ab. Der Explotationfilm bekommt so seinen Latinovertreter. Einen würdigen.

Rodriguez huldigt erneut das Schmuddelkino. Das zeigte vor allem in den 60er bis 80er Jahren billig produzierte, an erfolgreiche Vorbilder angelegte, reißerisch aufgemachte Western-, Rocker-, Polizei-, Sex- oder Horrorfilme. Gerade in den 80er Jahren standen Exploitation-Double-Feature auf den Spielplan. Diese Tradition wollten Rodriguez und Quentin Tarantino („Death Proof“) 2007 in ihrem Grindhouse-Projekt wieder aufflackern lassen. Dafür drehte Rodriguez neben dem Film „Planet Terror“ auch den Fake-Trailer „Machete“.

Der Legende nach sollte der Fake Schauspieler Danny Trejo ruhig stellen. Den hatte der Filmemacher bereits während der Dreharbeiten für „Desperado“ als seinen Latino-Filmhelden auserkoren. Weil der Trailer gut ankam, erhielt Trejo nun die versprochene Hauptrolle. Anders als in den Rodriguez Filmen „Desperado“ und „From Dusk Till Dawn“ schwingt Trejo nun die große Klinge.

Eher genreuntypisch erzählt Rodriguez keine so schlichte Geschichte: Polizist und Agent Machete legt sich in einem mexikanischen Kaff mit Drogenboss Torrez (Steven Seagal) an, entkommt und flüchtet nach Texas. Dort schlägt er sich als Tagelöhner durch. Finsterling Booth (Jeff Fahey) gabelt ihn auf, zwingt Machete, ein Attentat auf den rassistischen Senator McLaughlin (Robert de Niro) zu verüben. Natürlich ein fingiertes. Machete steckt mitten in einer Intrige, die Einwanderer zum Machterhalt und für noch besser laufende Drogengeschäfte bluten lassen will. Neben Booths Killern hat er nun noch die privaten Grenztruppen eines Von (Don Johnson) am Hals. Helfend stürzen sich Revoluzzerin Luz alias She (Michelle Rodriguez), Einwanderungsbeamtin Sartana (Jessica Alba) und Booths Tochter (Lindsay Lohan) auf ihn. Erstklassige Schützenhilfe leistet zudem ein Padre (Cheech Marin).

Rodriguez hält sich aber auch an die Genreregeln. Er taucht seine Story tief in grelle wie dreckige Farben, tischt Tacos und Chilischoten auf, entfacht Revolutionsmythos und lädt das Latinlover-Abziehbild absurd auf. Der dröhnende bis schwülstige Sound kittet das skurrile Mexikobild. Und dieser steigert zudem das Martialische und Pathetische an Machetes Rache. Passend zur Gewaltgroteske fechten alle Figuren ihren Part und Kampf als Karikaturen aus. Daran hat das ungewöhnliche Schauspielerensemble sichtlich seinen Spaß. Kein Wunder, denn einige dürfen sich mal so richtig gegen ihre sonstigen Rollenmuster und Images austoben. Dem Gemeuchel und Geballer tut der Schuss Selbstironie gut.

In einer ruhigen Szene knurrt Machete, dass er sich um den Müll kümmere. Den gesellschaftlichen. Krass zerfleddert Rodriguez so rassistisch motivierte Einwanderungs- und Ausgrenzungspolitik. Ein überraschender satirischer Hieb vom B-Movie-Liebhaber. Wohingegen seine abstrusen Ideen und seine Detailverliebtheit immer auf der Erwartungsliste stehen – und trotzdem ziehen. Ein göttlicher Moment ergibt sich, projiziert sich ein Kreuz auf die Wange des schießwütigen Padre. Und der argwöhnt auf sein Überwachungskreuz. Sicher am eindringlichsten bleibt aber hängen, wie Machete den Darm eines Schergen traktiert, um damit aus dem Fenster zu schlingern.

Originelles entsteht, das derb unterhält, handelt der gute Rodriguez trivialen Trash leidenschaftlich ab. Schön, dass derart aufbereiteter Müll ins Kino kommt. Auch wenn er wohl nur Trash-Fans und Genreliebhaber erstrahlen lässt. Die erfreut sicher noch der Abspann, der die Rückkehr des Filmheldens verkündet – in „Machete kills“ und „Machete kills again“. Vielleicht reicht ja dieses Mal das bloße Versprechen – und es braucht keine Fake-Trailer, damit es auf der Leinwand schön schmuddelig weitergeht. (kak)

Der deutsche Trailer von “Machete”. Quelle: youtube.com.

„Machete“. Regie: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis; mit Danny Trejo, Steven Seagal, Michelle Rodriguez, Jeff Fahey, Cheech Marin, Lindsay Lohan, Don Johnson, Jessica Alba, Robert de Niro; USA 2010, 105 Minuten. Kinostart: 4.11.2010

(Die kurz- und kleingeschnittene Version des Beitrags erschien im Novemberheft von diggla, dem Stadtmagazin von Westthüringen und Eschwege.)

Virtuoses Fassadenspiel

22. Oktober 2010

Banksy, der berühmteste Street-Art-Vertreter, versprüht auf der Leinwand sein Genie – in „Exit Through the Gift Shop“: Der Streifen folgt einem Filmemacher, der die Doku über ihn, der Szeneikone, vermasselt und zum Kunststar aufsteigt. Eine täuschend echte Kunstgroteske?

Interviewszene mit Banksy

Untergründiges: Banksy spricht über sich und Street-Art in seinem Film. Quelle: Alamode Film

Der Mann im schwarzen Kapuzenpulli schnappt sich den Karton. Er reißt ihn auf. „Alles voller Geldbündel“, staunt der filmende Begleiter. Auf den Pfundnoten prangt statt der Queen eine gewisse Lady Di. Und das man damit bezahlen könne, demonstriert der Geldschein reichende Schöpfer gleich mit: Das Zerknittern des Scheins macht diesen unauffällig, unverdächtigt im Konsumstress.

Diesen Fake zeigt eine Szene mitten in Banksys Film „Exit Through the Gift Shop“. Die witzige, zwar kriminelle aber eigentlich harmlose Nummer lässt sich auch als kleiner Fingerzeig verstehen: Wer mit so viel Spaß Geld fälscht und zur Kunst erhebt, täuscht sonst genauso lustvoll. Oder auch nicht. Und es stimmt alles in dem Streifen, den die Kinos nun mit deutschen Untertiteln zeigen. Darin tritt das Phantom der Wand, Banksy, natürlich unerkannt bleibend auf. Seine Identität kennen wohl nur ein paar wenige Auserwählte, seine Schablonen-Graffitis und Aktionskunst, mit denen er die Gesellschaft scharf, schräg oder subversiv kommentiert, hingegen sehr, sehr viele. Banksys bekanntesten Guerilla-Arbeiten an den Fassaden in den Metropolen oder an den Museumswänden dieser Welt flackern in den kurzweiligen 87 Minuten immer wieder auf. Am Rande, wie vieles mehr.

Das berühmte Ratten-Graffiti von Banksy

Tierisch bekannt: Das Ratten-Schablonen-Graffiti von Banksy. Bild: Alamode Film

Im Kern dreht sich die Geschichte, die zunächst im Gewande einer Dokumentation daherkommt, um Thierry Guetta. Ein Franzose, der in L.A. Billigklamotten als Designer-Mode vertickt. Manisch wie dilettantisch hält er immer und überall mit der Videokamera drauf. 1999 trifft er seinen Cousin Space Invader, bekannt durch Retro-Pixelfiguren. Die Street-Art begeistert Guetta – und er will sie dokumentieren. In der Folge schaut er Szenegrößen wie Shepard Fairey zu. Begleitet von wackliger bis innehaltender Handkamera und vom gut abgehangenen, souveränen Sound des Portishead-Mastermind Geoff Barrow gewinnt der schrullige Außenseiter das Vertrauen der Szene.

Schließlich trifft Guetta das Graffiti-Genie Banksy. Der wiederum findet die Idee nicht so schlecht, seine vergängliche Kunst zu filmen. Also hält der Besessene alle wichtigen Stunts und Banksys erste Ausstellung „Barely Legal“ im Jahr 2006 fest. Danach will der große Meister die versprochene Doku sehen. Der Möchtegern-Filmemacher scheitert, liefert einen chaotisch, hektischen Trailer in Spielfilmlänge ab. Banksy nimmt sich des Materials an, um den Film zu retten. Sein Tipp an Guetta: Mach doch selbst in Street-Art.

Guetta verpasst sich den Namen Mister Brainwash, stellt Leute ein, die mit Photoshop umgehen können. Das Handwerk hat sich der Franzose ja abgeschaut – und er weiß, wie man die PR-Maschinerie anwirft. Die treibt die Massen in seine 2008 stattfindende Ausstellung „Life is Beautiful“, eine in kürzester Zeit ohne Konzept und Vorbereitung zusammengewerkelte Show. Die Besucher staunen – und kaufen. Sie machen Mister Brainwash zum Shooting-Star der Street-Art. Und zum Millionär.

Ein Fake? Mister Brainwash betreibt eine Website (www.mrbrainwash.com), was nicht den Verdacht ausräumt: Guetta ist eine Kunstfigur. Klar munkelt man, dass sich entweder Banksy, Space Invader oder Shepard Fairey als durchgeknallter Franzose austobt. Was ändert sich, wenn das stimmt? Nichts. Der Banksy Film konzentriert sich auf einen, der es mit wenig Talent unbedingt zum Künstler bringen will. Umso leichter bringt dieser Ansatz authentisch die Street-Art-Szene und ihre wichtigsten Protagonisten der letzten zehn Jahre auf die Leinwand. Und das voller Selbstironie und Sarkasmus. Kunst ist ein Scherz, kommentiert Banksy das Machwerk von Mister Brainwash. Ein richtig guter, der nicht nur an den Fassaden einer Kunstszene wackelt, sondern den gesamten Betrieb in Frage stellt. Und das auf eine unangestrengte, kluge und sehr unterhaltende Art, die moralschwingende Gestik unterlässt.

Abwatschen unterbleibt deswegen nicht. So meint Mister Brainwash achselzuckend vor seiner Kunst stehend: Kopieren könne er auch. Das fatscht ordentlich ins Gesicht von Damien Hirst, oder? Das kann man sich ja noch schön ausmalen. Aber wie sieht es mit der Vorstellung aus: Ergeht es selbst den reflektierten Kinobesuchern nicht genauso wie den Begeisterten, die in Mister Brainwashs Ausstellung stürmten? Zugegeben kein schöner Gedanke, aber vielleicht der, den Banksy für seinen Film im Kopf hatte. Oder auch nicht. (kak)

„Exit Through the Gift Shop”. Mit Banksy, Thierry Guetta alias Mister Brainwash, Rhys Ifans (Erzähler), Space Invader, Shepard Fairey u. a.; USA/UK 2010, 87 Minuten, Kinostart: 21.10.2010

(Die Kurzfassung des Artikels erschien im Oktoberheft von diggla – dem Stadtmagazin für Westthüringen und Eschwege.)

Vorführen veranstalten

23. September 2010

Vorpremieren als Extremerfahrung: Der Fluchtreflex setzt bei mir sofort ein, als „Mammuth“ startet. Ein Film, der tumb seine debile Hauptfigur bloßstellt – und sich daran ergötzt. Dafür fängt mich schon das Ambiente ein, in welchem Banksys großartiges Leinwandwerk „Exit Through the Gift Shop“ läuft.

Der Kinoexperte werbetrommelt. Für den kollektiven Besuch einer sneak preview. Er glaubt fest daran, dass am 8. September im Münchner Atlantis „Bal – Honig“ auf die Leinwand kommt. Der Gute klatscht für die klebrige Filmperle – und mit ihr um sich, wobei es doch auch schmierige Stöffchen als Überraschung geben könnte. Buckelt er uns einen Filmbären auf? Den türkisch-deutschen Streifen zu orakeln, erscheint angesichts der Kinostartliste als nicht allzu waghalsig. Voller Vorfreude geht es mit den Filmfreunden ins Lichtspielhaus.

Noch die unverkrampfteste Position im Kinosessel suchend, steigt die Spannung: Die Trailer der vermeintlichen Vorzeige-Kandidaten starten. Den Anfang macht „Mammuth“ von Benoît Delépine und Gustave de Kervern. Einen auf dummen Rentner machenden Gérard Depardieu drangsalieren die französischen Regisseure, durch Gegenwart und Vergangenheit zu trotteln. Das Schauspielschwergewicht durfte offensichtlich nur in der Vorbereitung auf die Rolle aufgehen. Rein körperlich. Fett und grotesk daneben. Die paar zusammengewürgten Szenen reichen aus, um diese Komödie – oder was auch immer das sein soll -, nicht in voller Länge ertragen zu wollen.

Der Trailer von “Mammuth”. Quelle: youtube.com.

Unser Hoffnungsträger „Bal – Honig“ setzt die Kandidatenschau fort. Den Reigen schließt „Fish Tank“. Darin quirlt und tobt eine Jugendliche so vehement durch ihre triste Umwelt, dass ich gern mehr davon sehen möchte. Muss ja nicht heute sein. Kurze Pause. Der Vorhang geht wieder auf – für: „Mammuth“. Verhaltenes Raunen in den Reihen. Der Blick in die Profile der Mitgegangenen und -geschleppten lässt auf wenig Begeisterung, aber Aussitzungswille schließen. Bei mir fordert der sofort aufgekommene Fluchtgedanke sein rasches Durchziehen ein. Die Vernunft bremst noch – und appelliert: Das Wegrennen versaue der Holden und den Filmfreunden den Abend. Und so schlimm kommt es ja vielleicht nicht.

Stimmt. Vielleicht fehlte mir auch bloß die Fantasie, mir klarer vorzustellen, wie man einen guten Stoff wahrhaftig verfilmen, also vor die Leinwand fahren, kann: Schlachtbetriebler Serge Pilardosse (Gérard Depardieu) geht in Rente. Ihm fehlen noch zehn Arbeitsbescheinigungen von früher, bevor das Amt seine Bezüge kleinrechnen will. Widerwillig hievt sich der lang- und fettzottelige Koloss auf sein hornaltes Motorrad Mammuth, um in seine Vergangenheit zu tuckern.

Warum der extrem Einfältige auf seiner Zeitreise von seiner Jugendliebe ausgerechnet grobkörnig tagträumern muss – das kann man ja noch durchgehen lassen. Aber das ständige Schenkelgeklopfe über die Mammuth-Metapher nervt. Unerträglich macht den Film jedoch, wie sich die Machwerker an der Debilität der Hauptfigur ergötzen. Voller Distanz und Häme stoßen sie den Grobmotoriker in eine peinliche Situation nach der anderen. Die billige Zurschaustellung von geistigen Unvermögen verstärken die anderen auftretenden Figuren. Alle aus der Untiefe der Klischeeschublade zusammengekramt, schliff man ihnen noch die letzten eh schon schwachen Kanten und Ecken ab.

Nach einer Stunde übermannt mich die Angst, ich könne durch das Hin- und Herrutschen noch die Polster durchwetzen. Das macht nicht nur im Kopf den Fluchtweg frei, die unangenehme Überraschung endlich zu verlassen. Auf den Weg ins angenehm Unvorhersehbare streifen mich eher neidische denn strafende Blicke. Das macht Mut und lässt auf Nachsicht und wenig Groll bei der Holden und den Filmfreunden hoffen.

Andere finden „Mammuth“ nicht abstoßend, sondern anziehend. Angenehm von der unverständlichen Lobhudelei hebt sich Bert Rebhandel in der taz ab. Er macht sich auf einen scheinbar abwegigen, lesenswerten Dummheits-Exkurs durchs Kino – und kommt doch zu dem Schluss:

Serge Pilardosse kann sich gegen seine Erschaffer nicht wehren, und doch wünschte man, er könne ihnen entwischen. (Bert Rebhandel am 16.9.2010 in der taz und auf taz.de)

Das viel zu späte Entkommen noch verdauend, erfasst mich bereits zwei Tage später richtiges Vorpremierenfieber. Verantwortlich dafür: Eine sehr nette Dame von Just Publicity, die mich und die Holde gerade noch so auf die Gästeliste für den Banksy Film „Exit Through the Gift Shop“ schmuggelt. Ihre Agentur macht die Pressearbeit für den Film. Und am nächsten Tag, den 11. September, steigt schon das Preview-Event im the bella building in München. Perfekt deswegen, weil ich so eine Kritik über das Leinwandwerk des bekanntesten Street-Art-Vertreters fürs Oktoberheft von diggla schreiben und am Kinostarttag (21. Oktober) bloggen kann.

team from hell, eine Event- und Veranstaltungsagentur, beweist Gespür. In ihren erprobten Partyort the bella building drängen sich die eingeladenen Schaulustigen. Das leer stehende Wohnhaus an der Ecke Isabella- und Bauerstraße durchweht auf zwei Etagen und im Keller das Vergängliche und Flüchtige. Das Herausreißen der Wänden beendete die noch erahnbare gutbürgerliche Wohnidylle, schafft Raum zum Abgehen. Das Ambiente strahlt einen wohligen morbiden Charme aus und bildet so die passende Kulisse für die Aufführung. Als ob es aus dem Drehbuch stamme, das es für Banksys Film ja nicht gegeben haben soll. Vier Versuche braucht der entspannte Techniker, den angekündigten ersten Street-Art-Desaster-Film zu starten – ohne das dabei die Sicherungen rausfliegen. Das stört niemanden. Im Gegenteil. Das Improvisieren kommt sympathisch rüber.

Trailer von Banksys “Exit Through the Gift Shop”. Quelle: www.exit-through-the-gift-shop.de/

Der Abspann läuft. Schade, dem Phantom der Wand hätte ich gerne länger zugeschaut, wie er sein Genie und seine Graffitis versprüht. Die Schar der Begeisterten treibt uns mit auf den Hof. Über die vorgespielte oder echte Konzeptlosigkeit dieses großartigen Kunstfilmes sinnierend, bekomme ich nun an der frischen Luft Zweifel – an den technischen Vorspielpannen: Die waren doch inszeniert. Na und. Das würde halt Banksys virtuoses Fassadenspiel geschickt vor- und aufgreifen. Damit abgeschmettert, verschwindet die absurde Eingebung aus dem Gedankenpaternoster. Darin bleibt das Ab und Auf der erlebten Vorpremieren. (kak)

Vom blanken Sinn durchtränkt

11. Juni 2010

Felix van Groeningen hat den autobiografischen Roman „Die Beschissenheit der Dinge“ von Dimitri Verhulst verfilmt. Darin stellt sich ein Schriftsteller seiner Kindheit, die er in einer versoffenen Assifamilie in Flandern verleben musste. Ganz harter Sozialstoff, der nüchtern serviert hochprozentig anschlägt.

In Siegerpose: einer der versoffenen Strobbes.

Celle strampelt eher gemütlich, lässt sich abhängen und gibt erst am Tresen Stoff. Bild: Camino Filmverleih GmbH

Wieder schlimmes Komasaufen! Schlagzeilen Boulevard oder die sich als seriös gerierenden Ableger des Blätterwaldes seit ein paar Jahren so, blenden das schlicht aus: Suffeskapaden und Abstürze gab es schon immer. Art und Ausmaß mögen sich beim Einzelnen und in den Generationen unterscheiden, am Kulturgut und der Droge Alkohol lässt sich nur schwer und unberührt vorbei kommen. Heute wie gestern. Unabhängig von der Sozialisierung. In den 90ern stimmte der große Funny van Dannen voller Ironie zum Hochgesang aufs „Saufen“ an:

Sie sagen für das Glück ist es nie zu spät.
Es wartet zwischen Wirklichkeit und Realität
das Geld liegt auf der Straße sooo große Haufen
aber am besten ist immer noch saufen, saufen… (aus „Saufen“ von Funny van Dannen)

Den filmischen Abgesang vollzieht nun Felix van Groeningen in „Die Beschissenheit der Dinge“. Er setzt nicht auf die Ironie- oder Satireschiene, sondern auf die harte Sozialnummer. Der Regisseur tischt Alkoholmissbrauch im asozialen Milieu Belgiens der 80er Jahre auf, geizt dabei nicht mit Groteskem, Komik und Humor wie auch mit Ver- und Abschreckendem und Unfassbarem. Als Vorlage dient ihm der gleichnamige Roman von Dimitri Verhulst, der sich darin seiner dramatischen Kindheit erinnert.

Beim Feiern und Reihern im flämischen Kaff Reetverdegem stehen und stürzen die Strobbes ständig ihren Mann. Die versoffenen Brüder Marcel alias Celle (Koen De Graeve), Lowie “Petrol” (Wouter Hendrickx), Pieter “Beefcake” (Johan Heldenbergh) und Koen (Bert Haelvoet) geben sich auf und ganz dem Alkohol hin, ziehen alle wieder bei Muttern – Meetje (Gilda De Bal) – ein. Das Motto der Taugenichtse, die nur Unfug veranstalten: Gott schuf den Tag und wir schleppen uns hindurch. (Eine Weisheit der Strobbes, die der Kinobesucher auch vor sich hertragen kann.) Funny van Dannens „Saufen, Fressen und Ficken“ beherrscht das Untun. Daneben zählt nur die Familien etwas. Und Roy Orbison. Außen vor und mittendrin im un- wie bierseeligen Treiben: der 13-jährige Gunther, Marcels Sohn. Der Liebling und Alleingelassene muss sich der Armut, dem Verwahrlosen und der fehlenden Perspektive erwehren. Inner- und außerhalb der Familie. Das prägt.

Geschickt entfaltet van Groeningen das Sozial- und Familiendrama – ohne angestrengt und mahnend mit dem Moralfingerchen zu schnippen. Das gelingt ihm dadurch, dass er Gunther, der zum erfolglosen Schriftsteller reifte, einfach mal zwanzig Jahre zurückblicken lässt. Sein Erinnern gerät zum nüchternen Erzählen. In Episoden kommen banale Sauforgien und vermeintliche Höhepunkte wie Wettsaufen, Nacktfahrrennen auf dem Rad oder der Vaterschaftstest in Farbe und Schwarz-weiß auf die Leinwand. Immer wieder überraschen trotz der geschilderten Tristesse Szenen, die erheitern. Darauf folgt meist prompt das Zurücklenken auf den harten Stoff und den fortschreitenden Verfall, was einem verkatert in den Kinosessel zurück sinken lässt. Besonders absurd und krass: Das Nachsaufen der Tour de France.

Durch das Wechseln in den Zeitebenen gelingt es dem Regisseur, Figuren zu zeichnen. Tja, es entsteht schon so was wie Sympathie mit den Suffköppen. Aber natürlich auch Hass und Ekel. Sobald der kleine Gunther über die Handlungsebene huscht und Halt sucht, spielt das hervorragend zusammengestellte Ensemble groß auf. Hier hat der Film seine großen Momente, er baut aber beim zweiten Erzählstrang stark ab. Der Wandel des nun erfolgreichen Schriftstellers vom Zyniker zum verantwortungsvollen Vater geht in keinen schlüssigen Bildern auf. Her- und Zukunftsgeschichte von Gunther stoßen sich so ungewollt und unnötig ab. Der eingeschenkte hochgeistige Genuss verkraftet jedoch diesen faden Beigeschmack. Locker.

Ein entspanntes Zwischenprost liefert der Regisseur van Groeningen noch dem NDR-Kulturjournal:

Ich hoffe, die deutschen Zuschauer, von denen ich weiß, dass sie weit mehr Bier trinken als die Belgier, werden den Film mögen. (Felix van Groeningen im NDR-Kulturmagazin, 17.05. 2010)

Und schlechtes Gewissen braucht keiner haben, der mit Bier in den Kinosessel sinkt. Das schmeckt wie immer und wird nicht schal. Trotz der gezeigten suffisanten Exzesse. (kak)

Trailer von „Die Beschissenheit der Dinge“. Quelle: youtube.com

Die Beschissenheit der Dinge (De helaasheid der dingen)

Belgien 2009
Laufzeit 108 Minuten
Regie: Felix van Groeningen
Buch: Felix van Groeningen und Christophe Dirickx.
Produktion: Favourite Films NV, IDTV Film
Darsteller: Johan Heldenbergh, Koen de Graeve, Wouter Hendrickx, Pauline Grossen, Valentijn Dhaenens, Natali Broods, Kenneth Vanbaeden u.a.
Kamera: Ruben Impens
Musik: Ilan Eshkeri
Schnitt: Nico Leunen
Kinostart: 20.5.10

Hott(e) sei Dank

01. Juni 2010

Horst Köhler flüchtet aus Schloss Bellevue und senkt so den Lenagrad in den Medien. Verantwortungsvoll nimmt er das Frontfräulein für den Kindergartenpatriotismus kurzzeitig aus der Stusslinie. In der tummeln und tumulten sich ja gern Politikvormacher, über die Georg Schramm bald keine TV-Anstalten mehr macht.

Da stakst, hibbelt, quietscht und atonalt eine junge deutsche Frau in Oslo über die große Bühne. Lena Meyer-Landrut kommt an, fällt beim Eurovision Song Contest 2010 nicht sonderlich groß auf, aber auch nicht ab. Das liegt natürlich an ihrem zwar durchsichtig und krampfhaft auf Leichtigkeit getrimmten Auftritt. Und vor allem an ihren Konkurrenten. Die setzen weniger auf wirklichen Gesang, sondern auf tumbe Gefühlsgaukelei oder triefige Kitschchoreographie. Den großen wie schwachen Sanges- und Vorturnwettstreit gewinnt also eine Deutsche. Es gibt Schlimmeres.

Was danach folgt, hat keiner verdient. Auch nicht, wer sich wie Meyer-Landrut unnötig die Deutschlandfahne raabt. Denn sie muss seit ihrem Triumph als Projektion und Aushang für ein neues Deutschland herhalten, das Medienbetriebler herbei delirieren und halluzinieren. Schönschreiber und -redner lassen so den unsäglichen Kindergartenpatriotismus, der in Deutschland im Sommer 2006 grassierte, wieder aufflackern und -flaggen. Unverantwortlich.

Bundespräsident Horst Köhler schreitet ein, wirft hin. Er will nicht mehr als Bundeshotte durchs Land tingeln und Tauffrischem Pate stehen. Durch seine Flucht aus dem Schloss Bellevue verdrängt er Meyer-Landrut von den Titeln und aus den Schlagzeilen. Ein wohltuender, letzter Amtsakt, den er gestern hingelegt hat. Sein vorgeschobener Rücktrittsgrund, angeblich missverständlich, stotternd eine Scheindebatte über die deutsche Militärdoktrin angezettelt zu haben, bleibt unglaubwürdig. Genau wie das undiplomatische Ereifere seiner Kritiker, man sichere Handelswege und -ziele nicht militärisch ab. Geschenkt. Köhler verzichtet aufs Amt, um kurzzeitig vom Fräuleinplunder auf das bunte Politiktreiben zu schlaglichtern. Und das verspricht einen Abgesang von Schwarz-Gelb. Entweder spannend kurz und knackig inszeniert oder langweilig und -atmig bis 2013 gestreckt.

Großkoalitionäres an Rhein und Spree schwant wohl nun auch Guido Westerwelle. Deswegen und aus Panik vor der Fünf-Prozent-Hürde ampelt er (noch) alleinherrscherisch durchs Berliner FDP-Hauptquartier. Westerwelle könnte der nächste sein, den die Kanzlerin abkocht. Wen auch immer Angela Merkel ins Schloss Bellevue sperren will, an dieser Person lässt sich ablesen: Was geht künftig in NRW und im Bund ab?

Wer soll und kann den Bundeshotte beerben? Akribisch machte sich Jens Berger in seinem Blog “Der Spiegelfechter” in „Deutschland sucht den Superpräsidenten“ daran, diese Frage zu beantworten. Er vergisst keine der gescheitelten und gescheiterten Existenzen aus dem Politiknah- und –fernverkehr, wägt ihre Chancen ab. Schließlich geht es ja darum, dass jemand das von Rainald Grebe mit „Der Präsident“ vorgegebene Stellenprofil erfüllt.

(Rainald Grebe singt in “Neues aus der Anstalt” am 20.12.2008 “Der Präsident”. Quelle: youtube.com.)

Und Horst Köhler übte unnachahmlich die Macht der warmen Worte aus. So wie es Grebe hübsch umschreibt. Für Georg Schramm Grund genug, Köhler dafür anzuprangen, seinen Rücktritt zu fordern. Bereits 2006. Im “Scheibenwischer”.

(Georg Schramm im “Scheibenwischer”, 12. November 2006. Quelle: youtube.com; Tipp von Der Schockwellenreiter.)

In Deutschlandradio Kultur gestand die TV-Kabarettistengröße gestern, entzückt über Köhlers Rücktritt gewesen zu sein. Das Amt des Bundespräsidenten sei ein symbolisches Amt und lebe nur von der Macht des gesprochenen Wortes, meint Schramm. Und er legt nach:

“Und ausgerechnet Horst Köhler, ein Mann, der für jeden erkennbar genau darüber nicht verfügt, über die Kraft des gesprochenen Wortes, den macht man zum Bundespräsidenten.” Georg Schramm (Deutschlandradio Kultur, 31.5.2010)

Tja leider verlässt der angenehm zynische Patientensprecher Lothar Dombrowski “Neues aus der Anstalt”: Nach der 36. Folge am 8. Juni im ZDF hört Schramm auf, die Politikvormacher zu geißeln und zu schmähen. Das Ende einer Fernsehkarriere. Ein Abgang, der wirklich weh tut. Zum Glück verstummt Schramm ja nicht. Er will wieder mehr und nur noch die guten Bühnen bespielen. Und von dort weiter auf den Bundespräsidenten schießen. Bei garantiert hoher Trefferquote. (kak)

Kalt abgeschmiert

15. Mai 2010

In einer Region Baden-Württembergs dickte in über zwanzig Fällen Low SAPS Motoröl der Viskositätsklasse 10W-40 bei Frost so ein, dass es in kaltstartenden Euro-3/-4-Lkw versagte. Die Folge: Motorschäden. Die werfen die Frage auf: Was verursachte die Motorausfälle?

Opferreihe: Motoren von Mercedes-Benz Actros-Lkw, die es zerlegt hat. Aufgrund von eingedicktem Öl. Bild: kak

Schlagartig erhärtet sich der Verdacht vor der Werkstatt. Vor der Tür des Mercedes-Benz und DAF Händlers im baden-württembergischen Zimmern o.R. Dort steht ein Glas. Mit Gebrauchtöl. Minus fünf Grad zeigt das Thermometer an. Albert Bossenmaier kippt das Glas. Nichts passiert. Das Öl dickte ein, stockt vollständig, fließt nicht mehr. Der Stockpunkt für das kaltgestellte Low SAPS (Sulfatasche, Phosphor, Schwefel) Öl 10W-40 liegt bei –30 Grad.

Bossenmaier vermutete vor jenem Tag im Februar 2010, dass die gehäuft aufgetretenen Lkw-Motorschäden in seiner Werkstatt mit dem verwendeten Schmierstoff zu tun haben müssen. Laboranalysen von Gebrauchtöl zeigten vorher starke Verunreinigungen durch Metalle, Diesel und Ruß an. „Labors und Hersteller prüfen in der Regel die Viskosität des Öls nur bei 40 und 100 Grad. Nach DIN“, winkt der Werkstattleiter des Truck Competence Centers der Riess Gruppe ab.

„Mein Kunde ist mir wichtig“, begründet der 43-Jährige sein Engagement. Ein Motorschaden kostet richtig Geld. Ab 15.000 Euro aufwärts beim Kompletttausch. Besteht bei unbekannter Ursache keine Garantie mehr und Kulanz greift nicht, trägt der Kunde den Schaden.

Signale hören oder sehen

Heute zieht Bossenmaier Bilanz: Über 20 Motorschäden an Lkw bei drei verschiedenen Firmen. Alle fuhren Euro-3/-4-Fahrzeuge, die im Baustellen- und Kurzstreckenbetrieb liefen, im Schnitt in vier Betriebsjahren 250.000 Kilometer abspulten. Das Gros stellen Mercedes-Benz Actros (6- und 8-Zylinder), MAN TG und ein MTU-Aggregate finden sich unter den Geschädigten. Die Lkw kamen zu Bossenmaier in die Werkstatt, weil die Fahrer entweder ein verdächtiges Motorengeräusch wahrnahmen, die Anzeige zu niedrigen Öldruck signalisierte oder der Motor ausfiel.

Sämtliche Fahrzeuge eint: Keines überzog den Ölwechselintervall, auch nicht den verkürzten für Baustellenfahrzeuge. Sie fuhren mit normalen Diesel (nach DIN EN 590/ DIN 51628) von verschiedenen Tankstellen und Anbietern – und mit Low SAPS Öl der Viskositätsklasse SAE (Society of Automotive Engineers)10W-40. Beim Ölnachfüllen kam nur das bereits verwendete in den Motor. Mangelndes Kältefließverhalten der Öle beim Kaltstart steht im Verdacht, die Motorschäden verursacht zu haben. Konkret im Visier: SRS Cargolub TLA, Texaco Ursa Ultra X 10W-40 und Total Rubia TIR 8900. Die drei Low SAPS Öle haben die Freigaben von Daimler (nach Spezifikation 228.51) und MAN (M3477).

Stadien der Aussetzer

Die auseinandergenommen Actros-Antriebsaggregate zeigten folgendes Schadensbild: verrußte Kolben, stark beanspruchte und beschädigte Kolbenringe, leichte Schmauch- und Schleifspuren in den Pleuel- und Hauptlagerschalen, Pleuelzapfen mit beschädigter Oberfläche (Riefenbildung). Lagerschalen verschweißten mit den Lagerzapfen auf der Kurbelwelle oder Lagerdeckeln. Nicht feststellen ließen sich: schadhafte Ölpumpen, schadhafte Injektoren sowie Anhaftungen und Ablagerungen oder Korrosions-, Ätz- und Verharzungsmuster und Ölschlamm.

Albert Bossenmaier bei der Beweissicherung.

Beweisstücke: Albert Bossenmaier legt beschädigte Lagerschalen vor - und auf den Motor. Bild: kak

Eindeutig: eine beschädigte Lagerschale. Bild: kak

Bei MAN-Lkw traten Ölpumpenschäden und beanspruchte Zylinderlaufbahnen auf. MAN räumte ein, das Ölpumpenproblem zu kennen, solche Fälle sollen sich im Promillebereich bewegen. Die Münchner sehen keinen Zusammenhang mit dem Low SAPS Öl. Ein Gutachten gibt dem Lkw-Hersteller recht.

Ein Lagerschaden von einem MAN TGA, bei dem kein Zusammenhang mit eingedicktem Öl besteht. Bild: kak

Werte und Einschätzungen

Der VerkehrsRundschau liegen Gebraucht- und Frischölanalysen sowie Gutachten vor. Gegenstände der Untersuchungen: SRS Cargolub TLA und Texaco Ursa Ultra X 10W-40. Verallgemeinert lässt sich feststellen: Die Gebrauchtöle zeichnen sich durch erhöhte Metallgehalte (vor allem Eisen), Rußgehalte und einen zum Teil beträchtlichen Kraftstoffeintrag aus, der mitunter 10 bis 17 Volumenprozent beträgt. Das Verhältnis zwischen Diesel und Biodiesel bewegt sich um 5:4. Wasser ließ sich nicht nachweisen.

Die Viskosität der beiden gebrauchten Öle bei –10 Grad übertrifft bereits deutlich den Grenzwert, der für –25 Grad gilt. Oder übertrumpft schon den Stockpunkt, an dem nichts mehr fließt. Die kinematischen Viskositäten unter den Bedingungen von 40 und 100 Grad nehmen zwar gegenüber dem Frischöl ab, ohne aber ins Kritische zu fallen.

Die Gutachten zu SRS Cargolub TLA und Texaco Ursa Ultra X 10W-40 ziehen das Fazit: Die verwendete Motorenöle dickten bei noch zulässigen Außentemperaturen von 0 bis –20 Grad so ein, dass sie im Kaltstart nicht genügend schmierten und die Motorschäden verursachten. Im Normalbetrieb funktionierten die Öle. Vor allem die beschädigten Kolbenringe bedingten sehr wahrscheinlich den außerordentlichen Kraftstoffeintrag.

Auch zum Total Rubia TIR 8900 laufen Untersuchungen. Auftraggeber hier: der lokale Kraft- und Schmierstoffhändler. Weder dieser noch Total wollen sich derzeit zu den Ergebnissen äußern.

Muss der Kadi es richten?

Bei zwei der betroffen Firmen kümmern sich jetzt Rechtsanwälte um die Sache. Ob sie sich mit den Schmierstoffherstellern außergerichtlich einigen, scheint bei einem Unternehmen noch möglich. Und zwar mit Chevron Deutschland GmbH, die Texaco Ursa Ultra X 10W-40 vertreibt. Die SRS Schmierstoff Vertrieb GmbH (gehört zu H&R ChemPharm) scheint auf das Gericht zu setzen. Das hat dann zu entscheiden, warum das komplexe Zusammenspiel vom Motor, Öl und Kraftstoff nicht funktionierte und die Motorschäden entstanden.

Unbestritten kommt es im ständigen Kurzstreckenbetrieb vermehrt zum Kraftstoffeintrag ins Öl. Seit Januar 2010 strömt aus den Zapfanlagen normaler Diesel mit der vorgeschriebenen Beimischung von sieben Volumenprozent Biodiesel (FAME – Fettsäuremethylester). Der Zusatz besteht hierzulande aus Rapsmethylester. Trifft nun der B7 genannte Kraftstoff aufs Motoröl, verdünnt das Öl zunächst. Die leicht flüchtigeren Dieselanteile verdampfen im Betrieb ab 70 Grad, wohingegen die Hochsieder und die komplette Biodieselfraktion im Öl verbleibt.

Ölanalytiker beschreiben einen der Prozesse, der durch den Biodiesel- oder Pflanzenöleintrag abläuft als Polymerisation: Im Öl bilden sich langkettige Moleküle, die sich zusammenballen, abbinden. Ölschlamm entsteht. Diese Strukturen lösen sich nicht mehr, sie sind temperaturunabhängig.

Polymerisation läuft nach Ansicht von Ölexperten nur ab, wenn Pflanzenölbestandteile wie Rapsöl mit dem Motoröl reagiert. Rapsöl und alle anderen biogenen Kraftstoffanteile lassen sich mittels Gaschromatographie der Fettsäuremuster näher spezifizieren. Auch in den Rückstellproben der verdächtigen Gebrauchsöle. Ein positiver Beleg würde bedeuten: Die Fahrer tankten (unwissend) gepanschten Kraftstoff oder Pflanzenöl. Fragwürdig hierbei: Warum bildete sich kein Ölschlamm? Im Übrigen sehen Ölanalytiker ein Verhältnis von Diesel zu Biokraftstoff im Öl von 3:7 als normal an. Und nicht 5:4.

Unterschiedliches Umgehen

Daimler kennt das Ölproblem aus dem Winter 2008/2009, der vor allem Regionen Ostdeutschlands mehrere Tage Temperaturen unter –25 Grad bescherte. Die Schmier- und Fließeigenschaften der Viskositätsklasse SAE 10W-40 reichte nicht mehr aus. Deswegen appellierte der Lkw-Hersteller im Herbst 2009 in Service- und Produktinformationen und in der Mercedes-Benz Betriebsvorschrift Blatt 224.2, bei unter –20 Grad dringend Öle der SAE-Klassen 10W-40 gegen kältestabilere Produkte zu tauschen. Gegen 5W-30. Egal ob es sich hierbei nun um Low oder High SAPS Öle handelt. Ansonsten können Motorschäden durch Öleindickung oder Mangelschmierung drohen. Das Ziel: die Kunden schützen. Kamen diese Infos bei den Kunden an?

Im Neckargebiet zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald unterhält der Deutsche Wetterdienst die Station Rottweil. Die registrierte im vergangenen Winter Tiefsttemperaturen von -20,7 Grad am 19.12.2009 und –21,3 Grad am Folgetag. Also am Wochenende vor Weihnachten, als die LKW standen.

SRS vertritt die Ansicht, dass folgende Prozesskette unter ungünstigen Betriebsbedingungen (Kurzstreckenbetrieb) ablief: Verdünnung des Öls durch Kraftstoff, Erhöhung des Biodieselanteils im Öl. Das Öl alterte, dickte ein, verlackte und verschlammte. Durch die Biodieselanreicherung. Chevron spricht gegenüber der VerkehrsRundschau nicht über Kundenangelegenheiten. Total Deutschland GmbH meint: Die Analytik des einen bekannten Falls zeige, das nicht Total Rubia TIR 8900 10W40 die Ursache für den Motorschaden sei. Und so lange die Gespräche mit dem Händler laufen, äußere man sich nicht über mögliche Ursachen.

Kleine Region, großer Interpretationsspielraum?

Warum traten die Motorschäden in Zusammenhang mit eingedicktem Motoröl fast nur im 50-Kilometer-Radius um Rottweil auf? Auf diese Frage gibt es bisher keine Antwort. Aber: Die Option, dass andere Werkstätten und Betroffene bei Motorschäden die mögliche Ölspur übersehen haben, verschwindet damit nicht aus der Welt. Diesen Umstand muss berücksichtigen, wer über die beschriebenen Fälle urteilen will. Entscheidend hierbei: Ursache und Wirkung sowie Fakten und Deutungen zu trennen. Ob es dann gelingt, die Verdachtsmomente gegen die drei Low SAPS Öle auszuräumen? Eine Frage, die nach einer Antwort verlangt. Vor allem für die betroffenen Firmen.

Der Kunde steht bei Bossenmaier über allem. Er lebt Kundendienst. Aus Überzeugung. „Die Ehrlichkeit merken die Menschen“, findet der Werkstattleiter. Macht man ihnen was vor, bleiben sie weg. Nicht so der Winter. Der nächste kommt bestimmt. Hoffentlich deckt er dann nicht viele Vorschäden aus der Zeit seines Vorgängers auf. (kak)

Hintergrund: Low SAPS Öle 10W-40 im Fuhrpark

Bei Nutzfahrzeugen, die über Abgasrückführung (EGR) oder Partikelfilter verfügen, schafft der Motor nur im Zusammenspiel mit Low SAPS Ölen die geforderten Abgaswerte nach Euro 4 oder 5-Norm. Diese Motoröle enthalten minimierte Anteile von Sulfatasche (SA), Phosphor (P) und Schwefel (S).

Der Begriff Mehrbereichsöl bezieht sich auf die Viskositätsklassifikation nach SAE (Society of Automotive Engineers). Diese beinhaltet die Tieftemperaturklassen 0W bis 25W und die Hochtemperaturklassen 20 bis 60. Das Lkw-Öl 10W-40 erfüllt daher mehrere Viskositätsklassen. Die SAE J 300 legt den Stockpunkt, an dem das Öl nicht mehr fließt, für 10W-40 Öle bei –30 Grad fest und gibt für –25 Grad eine Grenzwert für die Viskosität vor.

Die Viskositätsklassen sagen nichts über die Qualität eines Mehrbereichsöls aus. Die Leistungseinstufung regeln internationale Motorölspezifikationen sowie Werksfreigaben und Spezifikationen der Lkw-Hersteller. Nur wenn Öle die Freigaben der Lkw-Bauer besitzen, empfiehlt sich deren Einsatz.

Lastwagen von Daimler, die mit SCR-Systemen (Selective Catalytic Reduction) und AdBlue fahren, brauchen kein Low SAPS Öl. Ein Mischfuhrpark hingegen setzt auf ein Mehrbereichsöl, das Euro 3-/4-/5-Fahrzeuge unabhängig von der Lkw-Marke vertragen.

Öleinsatz: Vorbeugen und handeln

Weitestgehend Einigkeit herrscht bei Lkw-Herstellern und Schmierstoffproduzenten, bei der Frage: Wie lassen sich Motorölprobleme und Motorschäden verhindern oder wenigstens minimieren? Die Antworten:

  • erweiterter Wintercheck am Nutzfahrzeug – empfohlener Wechsel des Motoröls vor der Kälteperiode
  • Verwenden nur eines vom Lkw-Hersteller freigegebenen Motoröls – in der geeigneten SAE-Klasse
  • Umsteigen bei drastischen Käteeinbrüchen auf kältestabilere Mehrbereichsöle, beispielsweise auf die SAE-Klasse 5W-30
  • Einhalten der Betriebsvorschriften des Lkw-Herstellers – inklusive der Ölwechselintervalle, die sich im Kurzstreckenbetrieb verkürzen
  • Halbieren oder Vierteln die Ölwechselintervalle beim Tanken von Biokraftstoffen (B100)
  • begleitende, regelmäßige Motoranalytik zum Aufdecken von Ölalterung oder Problemen wie Verschleiß und Kraftstoffeintrag

Die Ölanalytik hilft, Hinweise auf Motorschäden zu erhalten. Oder vorm Schadensfall, das Öl noch rechtzeitig auszutauschen. Dadurch können sich auch individuell angepasste Ölwechselintervalle ergeben. Nur: Die Ölanalytik kostet zusätzlich. Womit sich die Frage nach der Praxistauglichkeit stellt, diese Prüfung an jedem Fahrzeug alle 20.000 Kilometer durchzuführen. (kak)


(C) VerkehrsRundschau. Der Artikel erschien (redigiert) in der VerkehrsRundschau 19/2010 am 15.5.2010.

Abbaugegner und dicke Bretter bohrende Sportpfarrer

14. Mai 2010

Meine totale Spielverweigerung scheitert, weil mich das Radio auf dem Laufenden hält: Deutsche Platzhalter verringen gegen Malta den Druck auf die eigentliche B-Elf. Die sollte zu den Eishockey-Cracks aufschauen und braucht keine Seelsorger.

Harte Wochen stehen an. Nicht nur für die Nationalkicker. Auch der ein oder andere Fußballfreund muss noch diverse Saisonfinals überstehen, bevor die mentale Vorbereitung auf Südafrika starten kann. Was sich dann alles so zusammenbraut, wenn erst am winterlichen Kap der Ball rollt, gehört professionell verdaut. In Fachkreisen vor der Glotze oder im Biergarten sitzend. Dafür müssen Kondition und Durchsetzungsvermögen stimmen. Also nicht schon Kraft beim belanglosen Eingegurke gegen Malta verschleudern. Das schoss mir durch Kopf. Ein guter Vorsatz.

Hart bleiben! Die Chance, endlich mal der Nationalhymne der Mittelmeerinsel zu lauschen, bitte auslassen! Der Appell an die eigene Vernunft wirkt. Die Einsicht siegt: Das Backup lässt sich nicht weiter vor sich herschieben. Und das Schreibtischchaos verlangt nach Stabilisierungsakten. Also ran. Und das Radio an, lenkt es doch schön bei mechanischen Schreibtischtaten ab.

Bis 18.43 Uhr läuft alles nach Plan. Nicht für Edgar Endres. Der ereifert sich. Live aus Aachen im Deutschlandfunk zugeschaltet, berichtet der Reporter von Unfassbaren: Manuel Neuer musste schon ein paar mal mitspielen und ein Mal richtig gut halten. Gegen Malta. Aha. Und es steht nur 1:0 für Deutschland. Der Cacau hat es geköpft.

Oh, wenn ich den Ausgleich der Malteser nicht gesehen hätte. So passt ja alles, bis auf den Schreibtisch. Das sieht Endres völlig anders, der im Stadion leiden musste. In seiner letzten Liveschalte spricht der Radiomann sein Urteil: Die deutsche Mannschaft hat total enttäuscht. Nur 3:0 gegen einen dritt- oder viertklassigen Gegner. Da zähle auch nicht, dass viele Stammkräfte fehlen. Niederschmetternde Zahlen geben dem geknickten Kickerkritiker anscheinend recht: Maltas Eliteballtreter haben in der WM-Qualifikation kein einziges Tor geschossen und sich 26 Buden eingefangen. Klingt wirklich schrecklich für die armen Deutschen. Aber ein genauer Blick in die Statistik verrät auch, dass nur die Portugiesen (im Hin- und Rückspiel) und die Schweden den Inselvölkchen viere einschenkten. Deutschland bewegt sich also mit seinem Ergebnis auf dem Niveau der Großmächte Albanien, Dänemark und Ungarn.

Das B-Movie nicht geschaut, kommt bei mir ohne Endresenkonflikte an: Die Platzhalter in der deutschen Mannschaft haben ihre Aufgabe erfüllt: Sie überzeugten nicht, setzen so die abwesenden Bayern, Bremer und Blockwart Ballack nicht unter unnützen Druck. Die Herrschaften müssen halt beim nächsten oder letzten Test vorm Turnier wieder ran, wobei dann die eigentliche B-Elf nicht wirklich unter Erfolgszwang steht. Das kann einer Mannschaft gut tun. Das zeigen gerade die sonst niederlagsverwöhnten Eishockeyspieler. Sie schlichen ohne Feuer und nur mit Bundesadler gewappnet übers olympische Eis. Das setzte sich auch in der Vorbereitung auf die Heim-WM fort. Der Abstieg schien unvermeidbar. Nach dem Auftaktsieg gegen die US-Boys spielten sich die Deutschen druckbefreit in die Zwischenrunde. Und als so utopisch sehen Experten das Viertelfinale für die Deutschen nun nicht mehr an.

Nur noch einzelne Zettelhaufen, Hefte und Schnipsel blinken mich vom Schreibtisch an. „Damit Ihr Hoffnung habt“, plappere nicht ich, sondern die Deutschlandfunk-Moderatorin Astrid Rawohl. Sie leitet mit dem Motto des 2. Ökomenischen Kirchentags zu ihren Kollegen Herbert Fischer-Solms über. Der berichtet aus München vom Kreuz mit dem Masseneinfall gutmenscheln wollender Horden. Fischer-Solms soll der Frage nachgehen, welche Rolle der Sport beim Alles-wird-gut-Geknuddel-und-Gepatsche spielt. Eines der diskutierten Themen: Keine Bildung ohne Bewegung. Schade, dass Lukas Podolski nicht aus dem Stand, ganz so als würde er am Kölner Spiel teilnehmen, darüber referierte. Ging ja leider nicht, er musste ja in Aachen mal wieder laufen. Jogi Löw gegenreformiert dieses Kirchentagsthema zum Glück nicht ins Gegenteil, sonst müsste der Kölner Jung zurück auf die Bank. Zum Nachsitzen mit den anderen Denkminimalisten im Nationaltrikot.

Die Sportpfarrer müssen dicke Bretter bohren. (Herbert Fischer-Solms in Sport am Feiertag, Deutschlandfunk, 14.5.10)

Diesen Satz mantrat Fischer-Solms ins Mikro. Unabhängig vom Thema. Vielleicht etwas ungeschickt, Sportsgeist in der Kutte unter handwerklichen Zwang zu stellen. Gerade in Zeiten, in denen andere Glaubensbrüder nicht nur ihr öffentliches Bild vernagelt haben. Wer weiß, was den Sportredakteur zu diesem Aussatzer geritten hat. Innere Einkehr bestimmt nicht. Aufhorchen lässt er noch durch etwas anderes: Helmut Schön war der letzte Bundestrainer, der einen Sportpfarrer vertraute und auf die Fußballer losließ. Na und. Den Job übernahm später ja lieber gleich der Fußballgott, der das Kaiserreich bis heute eher bevorzugt.

Endlich. Das Werder-Sonderheft zum Pokalfinale liegt blank auf dem Schreibtisch. Das letzte was vom Aufräumungswahn übrigbleibt, nicht im Verklapper endet. Nun kann ich meiner Lesepflicht doch noch nachkommen. Bis Samstagabend bleibt Zeit, sich ordentlich in Finallaune zu bringen. Danke, Malta – für die erlesene Hilfe! Der alte Pokalsieger wird der neue sein. Das Feierbiest kann meinetwegen nächste Woche wieder toben und veitstanzen. (kak)

Da schlägt es dreizehn

13. Mai 2010

In „Sin Nombre“ bringt Cary Joji Fukunaga die Geschichte von Namenlosen in schrecklich schönen Bildern auf die Leinwand. Sein Banden- und Flüchtlingsdrama schickt Ausgegrenzte, Verstoßene und Vergessene auf die Reise durch Mexiko gen amerikanischen Traum, die ankommt. In der Realität.

Farbe in die Fratze gemalt, versucht der weiße Fremdkörper, ungelenk auf entschlossenen Weltretter und Öko-Krieger zu machen. Die findigen Indios von Juruna, Xipaia und Xikrin Kayapó rufen nach dem Hollywood-Großverdiener, wollen seine Hilfe. Im Kampf gegen ein Staudammprojekt in Belo Monte am Rio Xingu. An diesem Nebenfluss des Amazonas soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen. Und James Cameron kommt, tanzt komisch und trötet mantrahaft:

Es ist irre hier zu sein. Wie eine Zeitreise. Von den Indios hier eingeladen zu werden, um gemeinsam mit ihnen gegen die Übergriffe der Zivilisation zu kämpfen – das ist AVATAR im echten Leben. (James Cameron in titel thesen temperamente, ARD, 9.5.2010)

Den Hochzivilist Cameron verschlägt es in den Dschungel. Für ihn: Eine Reise in eine unbekannte Welt. Genau das verspricht der Trailer zu „Sin Nombre“. Zu recht. Regisseur Cary Joji Fukunaga widmet sich in seinem Film dem Heer der Namenlosen. Randgestalten der Gesellschaft bekommen hier Gesichter. Und Geschichten. Tragische. Dafür beleuchtet und verdunkelt Fukunaga zwei Milieus: das Bandenleben anhand der Mara Salvatrucha in Tapalucha, Südmexiko. Dem gegenüber stellt er den Flüchtlingsstrom, der durch Mexiko in die Vereinigten Staaten will. Zu Beginn zweigleisig und im angenehmen Bummelzugtempo erzählt, bringt der Streifen die beiden Außenseitergruppen auf einem Güterzug zusammen. Die letzte Hoffnung auf ein besseres Leben fährt mit. Nicht bei jedem.

Martialisch im Gesicht und am Körper tätowiert, strahlt Mil’ Mago schon die grenzenlose Gewalt aus, für die seine Maras stehen. Knallhart und willkürlich führt der Boss seine Gang, die Zulauf hat. Sie gibt den Perspektivlosen wenigsten das Gefühl, dazuzugehören. Eine Familie, die für ihre Mitglieder sorgt, solange sie sich an die Regeln halten. Die Hauptfigur Willy, genant El Casper, schleppt Nachwuchs für die Maras an. Ein zwölfjähriges Kind. Das Aufnahmeritual gilt auch für den Kleinen: das Überleben einer dreizehnsekündigen Prügelorgie. Danach muss der auf El Smiley getaufte noch jemanden töten – aus einer rivalisierenden Bande. Einmal Mara, immer Mara. Aussteigen geht nicht.

Die Flucht ergreifen die 17-jährige Sayra, ihr Vater und Onkel. Von Honduras aus wollen sie über Guatemala nach Südmexiko. Nach einigen Strapazen dort angelangt, wartet noch ein langer Weg, der in New Jersey enden soll. Weitergeht es auf dem Dach eines Güterzugs, wo sich die Hoffnung drängelt – nach dem amerikanischen Traum, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mittendrin Sayra und ihre Begleiter.

Die Rechtlosen und Unvermissten auf dem Güterzug will das Mara-Oberhaupt überfallen. Zuvor hatte er versucht, die Freundin von El Casper zu vergewaltigen. Sie starb, weil sie sich wehrte. El Casper und El Smiley müssen Mil’ Mago bei seinem schändlichen Beutezug begleiten. Der Chef raubt und will sich an Sayra vergehen. El Casper schreitet ein, erschlägt seinen Boss. El Casper wird so wieder zu Willy, vogelfrei und zum gnadenlos Gejagten der allgegenwärtigen Maras. Der Hoffnungslose und die Hoffnungsvolle reisen von nun an zusammen.

Fukunaga interessiert das Schicksal von Vergessenen und Verdrängten, er hält schonungslos auf seine Protagonisten und deren Umfeld drauf. Während der Reise rauscht die Landschaft Mexikos durchs Bild. Schwenks abseits der Bahnstrecke zeigen das Elend und Tristesse, der noch nicht Aufgebrochenen. Und das alles in einer Farbenfreude. Selten, das Schreckliches in solch schönen Farben und Bildern flimmert. Auch wenn „Sin Nombre“ sich in einigen Klischees verfängt und vieles Vorhersehbar bleibt, leistet der Film viel: Als Fernreise ins Realitätsnahe.

Ich dachte, ich sei fertig mit AVATAR. Aber es geht erst los! Natürlich, ich höre die Leute reden: Genialer PR-Gag, der Cameron benutzt die Ureinwohner, um noch mehr Geld mit AVATAR zu machen. Aber AVATAR hat schon abgeräumt. Ich bin schon reich! (James Cameron in titel thesen temperamente, ARD, 9.5.2010)

Na denn, Herr Cameron, mal los: Stiftung gründen und den Indios richtig helfen. Ohne Spezialeffekte und Tricks bitte. Spannende Filme machen, das können andere besser. Zum Beispiel Fukunaga. Hoffentlich dreht der bald seinen Zweiten ab. (kak)


Trailer von „Sin Nombre“. Quelle: youtube

Sin Nombre

Mexiko/USA 2009

Laufzeit: 96 Minuten

Regie und Buch: Cary Joji Fukunaga

Produktion: Canana Films, Creando Films, Primary Productions

Darsteller: Paulina Gaitan, Edgar Flores, Kristian Ferrer, Tenoch Huerta, Diana Garcia, Marco Antonio Aguirre, Leonardo Alonso, Karla Cecilia Alvarado u.a.

Kamera: Adriano Goldman

Musik: Marcelo Zarvos

Schnitt: Craig McKay

Kinostart: 29.4.10